Containerentladung, Rotterdam, Niederlande

Anläßlich der Veröffentlichung seines neuen Werkes „In Between“ (Hartmann Books, 2016) habe ich ein kurzes Gespräch mit Henrik Spohler geführt: über seine Fotografie und was Fotografie heute leisten kann.

Wenn ich deine Bilder der letzten zehn Jahre ansehe, muß ich an die Musik von Kraftwerk denken, die als Synonym für den Aufbruch ins elektronische Zeitalter der Musik gelten und die die Zeit des Techno einläuteten. Sind wir in der Fotografie an einem ähnlichen Punkt angelangt, dass der tradierte Fotojournalismus nur noch Pop ist und wir neue visuelle Antworten nötig haben?

Henrik Spohler: Eine musikalische Entsprechung zu meinen konzeptuellen Serien sehe ich vielleicht zu Brian Eno, zum Beispiel in „Music for Airports“. Eno vermeidet klar erkennbare musikalische Motive und arbeitet mit abstrakten Klangräumen. Fotojournalismus ist ja nur eine Möglichkeit mit Wirklichkeit bildlich umzugehen. Neue Aufnahmetechniken, digital verfügbare Bildarchive und veränderte Gebrauchsweisen der Fotografie formen gegenwärtig jede Menge neue bildliche Ausdrucksformen.

Was sind Deiner Meinung nach die neuen bildlichen Ausdrucksformen?

Henrik Spohler: Die unvorstellbar wachsende Zahl täglich digital konservierter Bildwelten eröffnet neue Möglichkeiten mit vorhandenem Bildmaterial umzugehen. Sei es die Sicht auf den Planeten aus dem Orbit oder die intimsten Einblicke in das Privatleben Fremder. Mischka Henner oder Viktoria Binschtok zeigen zum Beispiel, dass man nicht mehr selbst zur Kamera greifen muss, um aktuelle Themen bildlich zu verhandeln. Aber auch der Griff zur Kamera ist von anderen Routinen geprägt, als noch vor wenigen Jahren. Kein veröffentlichtes Foto ist mehr frei von einem digitalen Eingriff. Und die Grenzen zwischen Fotografiertem, Composings und CGI-generierten Bildern sind fließend. Unter diesen Vorzeichen verändern sich natürlich alle fotografischen Genres.

Ich denke die im Moment diskutierte post-faktische Ära ist auch in der Fotografie angekommen. Für den Fotojournalismus wird das allerdings zunehmend zum Problem. Die World Press Foundation versucht nun die Ehrrettung des Fotojournalismus durch Regeln und durch Reglementierungen, die vorschreiben wann und ab welchem Eingriff aus einem Bild ein manipuliertes Bild wird. Ich frage mich: Macht das überhaupt noch Sinn oder sind das die letzten Versuche die gute alte (schwarzweiß) Welt, die es schon nicht mehr gibt, zu bewahren?

Henrik Spohler: In diesem Diktat für die Entstehung von Fotografien liegt eine Angst vor Veränderung. Und die Sehnsucht nach dem Vergangenen – ähnlich wie in der historischen Aufführungspraxis klassischer Musik. Hier die konservative Bildpraxis, dort der warme Bratschenklang.

Schön gesagt. Wenn man nun Deine Bilder im neuen Buch“In Between“ studiert, fragt man sich tatsächlich, ob diese kühle Aufgeräumtheit ohne digitale Korrekturen bzw. Eingriffe – um mal nicht das Wort Manipulation zu strapazieren – auskommt.

Henrik Spohler: „In Between“ ist eine fiktionale Erzählung mit fotografischen Mitteln. Natürlich setzte ich auch Bildbearbeitung ein. Das wird auch jeder zeitgemäße Betrachter erwarten. Mein Interesse gilt aber in erster Linie den Orten, die ich sehr genau recherchiere. Moderne Häfen, Flughäfen und Logistik-Anlagen sind präzise angelegt, um allen Normen zu entsprechen und reibungslos zu Funktionieren.

Lagerung von leeren Containern, Bilbao, Spanien

Die Wucht deiner Bilder bedingt sich durch die fast künstliche Präzision der Aufnahmen und das Fehlen von Menschen und der Abwesenheit von Emotionalität. Selbst das bisschen was wir von Natur noch sehen, erscheint wie eine Kulisse – das Thema ist verdinglicht. Gleichzeitig geht es aber um Menschen, denn, wie der frühere IG-Metall Vorsitzende Steinkühler mal so schön sagte: Autos kaufen keine Autos. Ich frage mich – auch angesichts meiner Begeisterung für diese Arbeit von Dir -, ob der Mensch als Sujet/Thema in der Fotografie noch zeitgemäß ist, weil er durch seine schiere Anwesenheit im Bild romantisierende Wirkung hat und so vom eigentlichen ablenkt: einer Welt die von Gütern und Dingen und deren Herstellung beherrscht wird. Was helfen uns heute noch Bilder von Opfern in Aleppo oder Bilder von Flüchtlingsströmen, wenn es doch eigentlich garnicht mehr um die oder diese Menschen geht, sondern um Märkte, Waren- und Geldströme.

Ich finde deine Arbeit unter anderem deshalb so spannend, da sie einerseits eine sehr reduzierte Bildsprache pflegt und dadurch den kapitalistischen Exzess erst so richtig offenbart und andererseits ein Phänomen beschreibt, einordnet und zum Nachdenken anregt. Mich als Autor, der ursprünglich aus dem Fotojournalismus kommt, stimmt das hoffnungsvoll, da ich hier einen Lösungsansatz sehe gegen die Langeweile und die Durchschaubarkeit der journalistischen Bilder mit denen wir heute nach wie vor konfrontiert werden.

Henrik Spohler: Die Serie „In Between“ zeigt keine Menschen, mit denen sich der Betrachter identifizieren könnte, aber Orte, die weitgehend von Menschen geformt worden sind. Damit ist man als Betrachter gefordert. Zumal es keine erzählerische Handlung in der Serie gibt, an der man sich orientieren könnte.

Paket-Verteilzentrum, Lodz, Polen

Dann mal direkt gefragt, was ist deine Botschaft mit diesem Buch bzw. was ist dein Anliegen mit dieser Arbeit ?

Henrik Spohler: Wir leben in einer Welt, die sich sehr dynamisch wandelt. Mit meinen Projekten versuche ich, diese Veränderungsprozesse bildlich zu fassen und spürbar zu machen. Mit „0/1 Dataflow“ (2000/01) zeige ich die technischen Infrastrukturen eines neu entstehenden Informationszeitalters. Während hier die nichtmateriellen Produkte der Datenkommunikation thematisiert werden, beschäftigt sich das Folgeprojekt „Global Soul“ mit der Herstellung von Waren unter modernsten industriellen Fertigungsbedingungen, die den Menschen immer überflüssiger machen. „The Third Day“ behandelt das wirtschaftliche Verhältnis zwischen Mensch und Flora. Die Fotografien stellen Fragen danach, unter welchen Bedingungen heute Nahrung für eine wachsende Weltbevölkerung produziert wird und welche Landschaften unsere Zivilisation dabei formt. „In Between“ untersucht nun den Welthandel – nie zuvor haben sich mehr Waren in dieser Geschwindigkeit weltumspannend bewegt. Diese vier Themenfelder greifen ineinander und reflektieren eine sehr komplexe Gegenwart.

Das beschreibt nun die vier unterschiedlichen Themenfelder, die – da stimme ich Dir zu – eng miteinander verwoben sind. Aber was ist D e i n Anliegen? Wenn man so will, sind das vier Kapitel und ich frage mich, was ist das große übergeordnete Thema, welches Du da auffächerst? Wird es noch weitere „Kapitel“ geben?

Henrik Spohler: Warum sollten die grundlegenden Fragen, die unsere moderne, technikbasierte Zivilisation aufwerfen keine Themen darstellen? Wer allerdings Themen im journalistischen Sinne erwartet wird in Anbetracht meiner Fotografien natürlich ein Suchender bleiben. Sicher, ich denke daran, an weiteren Projekten zu Arbeiten.

Besten Dank, Henrik.

Henrik Spohler, In Between, 30 × 22,5 cm, 128 Seiten, 56 Abbildungen in Farbe, Text von Thomas Assheuer, English/Deutsch, Hardcoveer

 

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