Angst essen Bilder auf

(Bildquelle: tz, München 25.07.16)

Scheinbar ist die heutige Welt und damit auch die Bilderwelt so komplex geworden, dass Medien auch den Auftrag verspüren ihr Publikum betreuen zu müssen – sodass man fast schon von betreutem Sehen sprechen könnte. Jüngstes Beispiel war der Fauxpas des Mediengiganten Facebook, der das berühmte Bild des Fotografen Nick Ut auf der Facebookseite der norwegischen Zeitung „Aftenposten“ löschen ließ, auf dem zu sehen ist, wie ein unbekleidetes Mädchen vor den Napalm Angriffen der US-Amerikaner in Vietnam flüchtet. Die Begründung von Facebook war, dass das Bild eventuell nicht eindeutig genug gelesen werden kann: „Während wir uns bewusst sind, dass es sich hier um ein ikonisches Foto handelt, so ist es dennoch schwierig Unterscheidungen zu treffen, in welchen Fällen das Bild eines nackten Kindes zugelassen wird und in welchen Fällen nicht“. So klingen dann wohl Erklärungen für Entscheidungen, die vorher von Algorithmen gefällt wurden.

Diese Diskussion, welche Bilder kann man wem zumuten, kennen die meisten verantwortlichen Redakteure und Redakteurinnen von Medien und auch die Fotografen und Fotografinnen, die sich mit Themen beschäftigen, die die hässlichen Seiten des Lebens zeigen. Dabei geht es aber immer auch um die Frage, welche Bilder machen Sinn, welche Bilder sind notwendig um Inhalte einzuordnen oder gar besser zu erklären oder: Wann ist ein Schock am Frühstückstisch vielleicht auch mal notwendig, um die Menschen in ihrer Wohlfühlzone zu stören – nach dem Motto: wenn es der Wahrheitsfindung dient.

Im Kontext der Terroranschläge in den letzten Monaten in Europa hat die Diskussion um das Thema „welche Bilder können wem zugemutet werden“ noch einen zusätzlichen Aspekt bekommen „Welche Bilderveröffentlichung dienen der Propaganda der Propaganda von Terroristen?“. Allen voran war es die französische Tageszeitung Le Monde, die bekannt gab, in Zukunft keine Bilder mehr von Attentätern und Opfern zu zeigen. Begründung: man wolle diesen Mördern nicht auch noch einen Platz in der hall of fame des Terrorismus ermöglichen – nach den Attentaten in Frankreich eine durchaus nachvollziehbare Reaktion und zugleich auch ein Statement, dass man sich dem durch Konkurrenz getriebenen Wettlauf nach noch sensationelleren Bildern entzieht. Ok. Aber macht dies in Zeiten, wo jede kleine Terrorzelle eine eigene Propaganda-Maschinerie besitzt und einzelne Täter über die Live-Funktion von sozialen Netzwerken in Jetztzeit über sich und ihre mörderischen Taten berichten könn(t)en, Sinn? Macht es Sinn, wenn die B.Z. nach dem Attentat in München auf der Titelseite verkündet: „Dein Foto kommt nicht auf unseren Titel“ und somit dem Attentäter posthum so richtig die Show vermasseln möchte? Macht es Sinn, wenn DIE ZEIT Bilder von Tätern, Opfern etc. durch Unschärfe nahezu unkenntlich macht und in bester Tradition von Thomas Ruff (Serie “Nudes“) in der Unschärfe verschwinden lässt und somit dem Klischee gewordenen Bild neue Bedeutung einhaucht?

Was man bei Le Monde noch als etwas hilflosen Ausdruck von Haltung liest, empfindet man bei den anderen Zeitungen/Zeitschriften eher als einen guten Marketing Gag – denn eine Haltung. Es war die scheinbar beste Lösung, um dem Dilemma zu entgehen, einerseits sich nicht den Vorwurf einzufangen, Nachahmungstätern Vorschub zu leisten oder den Tätern posthum zu Ruhm zu verhelfen und andererseits doch konkurrenzfähig zu bleiben im medialen Wettbewerb. Es ist der ewige Spagat zwischen Ökonomie und Haltung.

Wenn moralische Integrität und Volksbelehrung so wichtig sind, warum lässt man dann die Bilder nicht einfach weg. Auch eine Bleiwüste mit einem langen, einordnenden, reflexiven und erklärenden Text wäre ein Statement. Stattdessen werden doch Bilder gezeigt, um damit zu demonstrieren, wir haben die Bilder auch, aber ihr könnt nichts sehen, denn ihr, die LeserInnen, könntet das ja falsch verstehen. Dazu muss erwähnt werden, dass diese Bilder kaum einen inhaltlichen Sinn machen, geschweige denn etwas zeigen, was uns hilft, diese Taten zu verstehen oder gar einzuordnen. Die Wahrheit ist, dass diese Bilder auch schon vor dieser Debatte keinen Erkenntnisgewinn ergeben haben, daher können diese auch durch die Verfremdung und Unkenntlichkeit keinen Sinnverlust erleiden. Sie waren und sind lediglich ästhetische Flächen, Projektionsflächen – anders ausgedrückt: Augenfutter. Und im Falle der ZEIT macht es das auch nicht besser, wenn den LeserInnen vorgeschrieben wird „Was wir nicht mehr sehen wollen“. Wenn schon, dann müsste es heißen: „Was wir Euch nicht mehr zeigen wollen“. Spätestens an diesem Punkt passiert das, was Viktor Klemperer in seinem Buch LIT ( Lingua Tertii Imperii) sinngemäß als das beschreibt, wo die Betreuung von mündigen Menschen in Entmündigung kippt und die auf diese Art und Weise Betreuten auch noch zur Dankbarkeit verpflichtet werden.

Es erscheint wie ein Paradoxon, aber zu zeigen, dass man ein Bild nicht (wirklich) zeigt, verleiht diesem Bild erst recht Bedeutung, allerdings ohne diese Bedeutung inhaltlich einzuordnen. Womit man beim eigentlichen Thema wäre: (Foto) Journalismus hat zur Aufgabe aufzuklären, Bericht zu erstatten, einzuordnen und Zusammenhänge her zu stellen. Kurz und frei nach Augstein: Zeigen was ist.

Dieser Text erschien in der Zeitschrift „Photonews 10/16“
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