Callahan in den Deichtorhallen

Er schreibt sich mit zwei „l“s und einem „h“ nach dem zweiten „a“. Zu seinen Weggefährten gehörten Menschen wie László Moholy-Nagy, Mies van der Rohe und Robert Frank. Seine Vorbilder waren Ansel Adams, Alfred Stieglitz und Minor Withe. Allein das Museum of Modern Art zeigte seine Arbeiten 38 mal. Und: mit seinen Werken hielt die Fotografie zum ersten Mal gleichberechtigt neben der Malerei im Jahr 1978 Einzug auf der 38. Biennale in Venedig. Dort vertrat er zusammen mit dem Maler Richard Diebenkorn die USA . Der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton verlieh ihm 1996 die National Medal of Arts. Kurz: er ist ein Star und gilt als einer der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Entwicklungsgeschichte der modernen amerikanischen Fotografie: Callahan. Harry Callahan.

Bis Juni 2013 zeigt nun das Haus der Photographie in Hamburg  eine Callahan-Retrospektive und schließt damit eine Bildungslücke. Denn Callahan ist in Deutschland nahezu ein Unbekannter und wenn nicht, dann kennt man in der Regel nur seine schwarzweißen Arbeiten. Es ist der Verdienst der Kuratorin Dr. Sabine Schnakenberg, dass in dieser Retrospektive erstmals seine Farbfotografie gleichberechtigt neben dem bekannteren Teil, seinen schwarzweißen Arbeiten, in Deutschland zu sehen ist. Die chronologisch geordnete Ausstellung  mit ihren 282 Bildern, allesamt in angemessen kleinen Formaten, zeichnet so die Themen und Entwicklungen der fast 60-jährigen Schaffenszeit von Callahan nach.

1912 in Detroit geboren, entdeckt er 1938 als Autodidakt seine Leidenschaft für  die Fotografie. Zu dieser Zeit arbeitet er noch in der Versandtabteilung von Crysler in Detroit. Bis er 1945 seine Arbeit dort aufgibt, lotet er seine fotografischen Möglichkeiten nach dem von ihm später formulierten Credo aus: „To be a photographer, one must photograph. No amount of book learning, no checklist of seminars attended, can substitute for the simple act of making pictures. Experience is the best teacher of all …“.

Während dieser Phase lernt er auch die Fotografie des Neuen Sehens und László Moholy-Nagy am New Bauhaus in Chicago kennen und macht während eines Workshops die Bekanntschaft mit Ansel Adams und dessen Arbeit, die ihn aber im Wesentlichen durch die handwerkliche Perfektion fasziniert und beeinflusst – nicht aber unbedingt durch dessen Stil: „I didn’t have to photograph the ‚Grand Landscape’ to make a good picture – that had already been done. I knew that I didn’t have to get in the car and drive to the mountains to photograph what I wanted. I could make a picture within ten feet of myself – it was all right there.“

Zwei Umstände erstaunen einen, wenn man sich mit der Biografie von Callahan und seinem Wirken beschäftigt. Innerhalb kürzester Zeit – neben seiner beruflichen Tätigkeit bei Crysler – entwickelt er einen eigenen Stil und  Haltung. Und: bereits 1940 beginnt er mit Farbfotografie zu experimentieren. Schon 1946 sagt er: „My project could only be to photograph as I felt and desired; to regulate a pleasant form of living; to get up in the morning – free, to feel the trees, the grass, the water, sky or buildings, people – everything that affect us; […] This, I know, is not a definite project because life itself is not definite, but it could be the part of a lifetime project to help keep photography alive for me and with the hope that it would be alive for someone else.“ Harry Callahan versteht sich von Anbeginn als Künstler und solange er nicht vom Verkauf seiner Fotografien leben kann, verdient er seinen Lebensunterhalt mit der fotografischen Lehre. Ab 1947 am New Bauhaus in Chicago, später dann an der Rhode Island School of Design in Providence. Erst im Jahre 1977 ermöglicht ihm der Erfolg seiner Fotografie, die Lehrtätigkeit aufzugeben und er kann sich, finanziell unabhängig, ausschließlich der eigenen Fotografie widmen.

Durchstreift man die Halle im „Haus der Photographie“ spürt man sofort, das hier ist cool. Hier schreit einen nichts an, keine großen Formate, keine großen Emotionen, sondern die betörend schlichte Präzision eines Künstlers. Die wunderbaren Silber-Gelantine Prints und die farbintensiven Dye-Transfer Abzüge lassen uns das zusätzlich spüren. Die Ausstellung wirkt wie das Ergebnis einer große Versuchsanordnung mit der über 60 Jahre lang drei Themen erforscht wurden: die Stadt, die Natur und die Frau – seine Frau, Eleanor Callahan. In stundenlangen Spaziergängen erforscht Callahan die Dinge vor seiner Haustür in der jeweiligen Stadt oder Gegend, wo er wohnt und arbeitet: „It’s the subject matter that counts. I’m interested the subject in a way to intensify it.“ So sehen wir immer wieder Grashalme, die wie abstrakte Tuschemalerei wirken, Wasserspiegelungen, die wie in der Dunkelkammer erstellte Photogramme erscheinen und surrealistisch anmutende Doppelbelichtungen oder Spiegelungen von urbanen Szenen, Schaufensterscheiben und dazwischen immer mal wieder experimentelle (Akt)Studien von seiner Frau.

Löst man sich von der Person Harry Callahan kann man die Ausstellung auch als einen Gang durch die verschiedenen Stilistiken der amerikanischen Fotografiegeschichte des letzten Jahrhunderts lesen. Immer wieder kommen einem die Surrealisten, die Fine-Art Fotografen, die New Color Fotografen oder die Topografen unter den Fotografen in den Sinn. Eine kleine Serie sehr weitwinkliger und für den zurückhaltenden Callahan schon fast aggressiv wirkenden Personenstudien in der Innenstadt von Chicago aus dem Jahre 1961 lassen sogar kurz an die amerikanische Streetphotography denken. Dabei ist die Ausstellung keineswegs ein Sammelsurium, sondern zeigt uns die Forschungsergebnisse eines virtuosen Fotografen und Sehschülers der selber schon 1957 sagte: „Creativity can only be measured by the value of an individual’s whole photographic life from beginning to end.“ Genau das bietet die Schau in Hamburg.

Der begleitende Katalog Kehrer Verlag bietet neben der Reproduktion vieler Motive aus der Ausstellung vor allem einordnende und erklärende Texte zur Person Harry Callahan und seiner Arbeitsweise. Ein sehr unprätentiöser und persönlicher Text von Peter MacGill, einem Weggefährten Callahans, gibt uns die schöne Gelegenheit Harry Callahan als Mensch und Künstler näher zukommen und trägt damit einen großen Teil zum Verständnis dieser großartigen Arbeiten bei.

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