Der interessanteste Beruf der Welt ist Bildjournalist

… man kann qua Amt die Welt erforschen und jeder Neugierde und jeder Frage nachgehen. In der Hoffnung, das Leben besser zu verstehen, zerlegen wir die Welt immer und immer wieder in einzelne Bilder, um sie danach erneut zusammenzusetzen, hoffend das Funktionieren der Welt damit auch für andere zu erklären. Ein ewiges Puzzle. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Auch der Bedarf für journalistische Fotografie ist seit fast achzig Jahren ungebrochen, auch wenn ihre Vormachtstellung als bildgebendes Medium mit Verbreitung des Fernsehens Ende der 1950er Jahre beendet wurde.  Trotzdem stiegen seitdem die Auflagen der Magazine und Illustrierten bis Mitte der 90er Jahre an. Obwohl sich seitdem das World-Wide-Web etablierte und (Bild)Journalismus zunehmend seinen Platz dort fand und erschien am 4. Oktober 2007 die Franfurter Allgemeine Zeitung erstmals in ihrer Geschichte mit einem Foto auf der Titelseite.  Gleichzeitig werden heute mehr Bilder gemacht denn je, von mehr Fotografen denn je: 101.254 Bilder wurden von 5.247 Bildjournalisten entweder als Bildserien oder Einzelbilder beim World Press Photo Contest 2011 eingereicht – Tendenz steigend. All das scheint dafür zu sprechen, dass einer der interessantesten Berufe der Welt nach wie vor die Arbeit als Bildjournalist ist.

Das nicht nachlassende Interesse scheint u.a. an der Wandlungsfähigkeit des Bildjournalismus zu liegen, der unter veränderten Bedingungen Nischen sucht und diese auch findet. Vor 15 Jahren schon fragte die Zeitschrift „American Photo“ in der Ausgabe 09/1997: „Ist der Fotojournalismus tot?“. Grundlage für diese Frage-stellung war eine weltweite Umfrage unter 40 wichtigen Fotografen, Agenturen und Bildredakteuren. Als Quintessenz lassen sich vier Punkte zusammenfassen, die aus damaliger Sicht für einen vermeintlichen Niedergang des Bildjournalismus sprachen:

– ein Verlust an Platz für ausführliche Bildreportagen in den Printmedien
– das Fernsehen und das Internet
– ein Verlust an Autorenschaft
– ein Strukturwandel in der Medienindustrie, der Bildjournalisten zwingt andere Geldgeber und Publikationsmöglichkeiten zu suchen

Die auch befragte Fotografin Susan Meiselas äußerte sich damals so: „Ich bin pessimistisch, ob die neuen Medien tiefschürfende (fotografische) Arbeiten seriös mittragen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Multimedia-Welt die Fotografen als die großen Geschichtenerzähler akzeptiert. “ Aus heutiger Sicht zeigt sich aber, dass der Verlust an Platz in Zeitschriften durch das Internet wettgemacht wurde: Journalistische Bilder können hier nicht zuletzt in Verbindung mit sozialen Netzwerken das Wettrennen um Aktualität wieder aufnehmen. Für die Abgrenzung gegenüber Amateurfotografen und Handyreportern ist Autorenschaft wieder wichtig, denn nur diese garantiert eine subjektive und einordnende Sichtweise mit der das Publikum differenziert angesprochen wird. Während der Strukturwandel in der Medienindustrie zwar dazu führt, dass weniger fotojournalistische Aufträge vergeben werden und auch Zeitschriften komplett eingestellt wurden, eröffnen sich neue Einnahmequellen wie Crowdfounding und ein Zunahme von Aufträgen für Public-Relation ect. Durch Apps, Books-on-demand und durch das World Wide Web sind neue Publikationsformen entwickelt worden. Auch Susan Meisalas selbst ist heute mit Multimediabeiträgen auf der Website ihrer Agentur Magnum vertreten, die mit ihrer Plattform „Magnum in Motion“ zu den Pionieren dieser Präsentationsform gehört und dort fast 200 Multimedia Beiträge anbieten.
Auffällig ist, dass die oben genannten Punkte rein technische bzw. formale Bedingungen des Machens journalistischer Fotografie anführen, aber in keinster Weise die veränderten Bedingungen für die Rezeption von journalistischen Bildern aufgreifen, die für die Aufbereitung sozialer Tatsachen und gesellschaflicher Entwicklungen von zentraler Bedeutung sind. Dass diese Diskussion gleich wohl notwendig und virulent ist, zeigt ein Artikel der unter der Überschrift „15 Thesen zum Journalismus im 21. Jahrhundert“ auf dem Blog des Schweizer „Tagesanzeiger“ am 2. Mai 2012 veröffentlicht wurde. Dort schreibt Constantin Seibt, dass soziale Tatsachen – Fakten – lediglich ein Rohstoff sind und „ihre Richtigkeit ist insofern wichtig wie die Reinheit und Vollständigkeit von Zutaten beim Backen wichtig ist. Aber der Kuchen ist das noch nicht. Die Fakten müssen erst zu einer echten Geschichte werden: zu einer, die auch ohne jede Neuigkeit interessant wäre. (…)“.

Hier wird ein wesentlicher Aspekt der Diskussion über den Bildjournalismus aufgegriffen, denn das, was hier für den Textjournalismus gemeint ist, gilt auch für die journalistische Fotografie: es gibt heute nur wenige gesellschaftlich relevante Themen, die noch nicht fotografiert wurden. Die klassische Frage:  Wie fotografiere ich eine Geschichte? hat sich gewandelt zu der Frage: Wie fotografiere ich heute eventuell schon Bekanntes? Denn der Überraschungsmoment, die Enthüllung, die einst Reportagefotografie so begehrt und interessant gemacht hatte, ist nicht mehr so einfach gegeben. Das allgemeine (Bilder)Wissen ist heute derartig umfassend, dass das bloße „Herzeigen“ von Geschehnissen, Orten und Menschen nur selten als Erkenntnisgewinn wahrgenommen wird. Auch dann, wenn die Bilder handwerklich hervorragend sind. Zwar brauchen wir die Fotografie, weil sie dem Journalismus das schnell erkennbare Versprechen des Wirklichen gibt, aber wir haben gelernt, zu differenzieren, schnelle Sequenzen zu lesen und Abstraktes zu dechiffrieren. Es gibt fast nichts, was so schnell lesbar ist wie ein Bild, wodurch ihm im Kontext des schnell konsumierbaren Internets eine besondere Bedeutung zukommt: als schnell konsumierbarer Code, der einem Beitrag als Schlüsselanreiz Aufmerksamkeit verleiht und binnen Bruchteilen von Sekunden eine thematische Zuordnung ermöglicht. Hier hat die Simplifizierung der Welt durch Schlüsselbilder ihren Nutzen. Sie haben die Funktion eines Wegeleitsystems im Dschungel der Informationen übernommen. Aber die Wirklichkeit erklären können sie uns nicht.

Geht es darum die Welt mit Bildern zu durchdringen, zu erforschen und zu erklären, unterfordert uns das Dargebotene oft. Aussagen bleiben hier an der Oberfläche. Selten sind wir mit Bildern oder Serien konfrontiert, die uns verstören, uns anhalten oder gar nachdenken lassen. Das liegt vor allem an der zunehmenden Komplexität der Verhältnisse, die nicht mehr durch Entweder-Oder-Antworten zu erklären sind, sondern in zunehmenden Maß Sowohl-Als-Auch-Antworten erfordern. Durch die Auflösung tradierter Pole wie arm und reich, oben und unten, böse und gut gibt es eine Art von Ratlosigkeit in der sozialdokumentarischen Fotografie, die nach wie vor ein wesentliches Feld des Bildjournalismus darstellt.

Hinzu kommt, dass vieles in der heutigen Welt entweder sehr klein oder ganz unsichtbar geworden ist, was sich nicht nur auf Produktionsprozesse, sondern auch auf gesellschafliche Prozesse und Probleme wie zum Beispiel Armut oder Arbeitslosigkeit bezieht. Wir erleben ein Verschwinden der (offensichtlichen) Bilder, was neue Strategien für die Übersetzung gesellschaftlicher Realität in Bilder nötig macht. Urs Stahel, Direktor des Museum Winterthur, machte schon 2003 in seiner Rede „Ja, was ist sie denn, die Fotografie?“ darauf aufmerksam: „Die Reportagefotografie leidet insgesamt an stilistischer und gedanklicher Erschöpfung. Die Fotografen wissen zu gut, was ein gutes Reportagebild ist, es gibt eine Art von Akademismus der Reportagefotografie. Das ist ihre hausgemachte Krise, welche die Krise der Umstände ergänzt.“
Als ein Lösungsansatz kann hier eine weitere These des „Tagesanzeigers“ gelesen werden: „Sich der Gegenwart zu stellen, heißt, sich der Komplexität zu stellen. Und um die aufs Papier zu bringen, braucht es Stil. Oder genauer: mehrere Stile, je nach Sachlage. Stil ist nie Selbstzweck, er ist ein Massanzug für die Fakten. Und somit die einzige Methode, komplexe Dinge zu sagen, ohne zu lügen und ohne an Schwung und Klarheit zu verlieren. Ohne raffiniertes Handwerk ist die Welt nicht mehr zu begreifen.(…) Denn Stil ist das Gegenteil von Ornament, Design, Oberfläche. Er ist im Kern: Haltung.“

Für Bildjournalisten ging es und geht es immer darum mit Bildern Geschichten zu erzählen. Die zentrale Frage ist dabei heute aber keineswegs einfach zu beantworten: Mit welchen Mitteln erreiche ich das Publikum emotional spürbar.  In der Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 03. Mai 2012 antwortet der 28 jährige Fotograf Dominic Nahr, der überwiegend in Krisengebieten arbeitet, so z.B. auf die Frage, ob Fotos etwas bewegen:  „Wenn ich ein Magazin aufschlage und meine Fotos sehe, denke ich jedes Mal, ich hätte besser einfangen müssen, wie schlimm es wirklich war. Ich habe oft das Gefühl, das kommt bei den Menschen nicht an. Vielleicht hat es mit dem Medium Magazin zu tun. Man blättert durch, und irgendwann schmeißt man es weg. Bei Ausstellungen ist das anders. Da bringt man die Leute dazu, Zeit mit den Bildern zu verbringen, sich mit dem, was sie sehen, auseinanderzusetzen.“

Damit Fotografien heute wirksam werden können, geht es neben der richtigen Mischung der Grundkomponenten, aus Bildern, Stil, Haltung und Subjektivität, die eine klug erzählte Geschichte ausmachen, auch darum, die richtigen Mittel der Präsentation zu wählen. Eine hier feststellbare Stagnation dürfte eine der Ursachen sein für das, was Urs Stahel als die „stilistische und gedankliche Erschöpfung“ des Bildjournalismus problematisiert. Bis vor wenigen Jahren beschränkte sich die Präsentation journlistischer Fotografie im Wesentlichen auf Zeitschriften, Zeitungen und Bücher. Durch die digitale Aufnahme- und Wiedergabetechnik haben sich aber die Varianten an Präsentations- und Erzählformen potenziert und die Distribution für journalistische Fotografie via Web internationalisiert und beschleunigt.

Was heißt das konkret? Nichts und ganz viel zugleich. Nichts, weil die Grundregeln des Journalismus davon nicht wirklich tangiert sind. Viel, weil wir uns genau an einer dieser Nahtstellen der Fotografiegeschichte befinden, an der die Wechselwirkung von Technik und Stilistik zum Tragen kommt. Erst die Entwicklung einer handlichen Kleinbildkamera durch Oskar Barnack wurde in den 1920er Jahren der Beruf des Bildjournalisten möglich. Heute ist es das World Wide Web und der digitale, filmende Fotoapparat, der aus dem Bildjournalisten den Onlinebildjournalisten macht. Somit hat diese Erweiterung der Palette von Stilen und Erzählformen auch ein Thema: „Das journalistische Bild und seine digitale Präsentation“ was im Umkehrschluss natürlich seine Rezeption mit ein schließt.

Die Möglichkeiten des Digitalen verbinden heute verschiedene Medien, die wir früher als konkurrierende und teilweise sich ausschließende erlebten: Print, Radio und Fernsehen werden zu Multimedia. Die Chancen sind dabei dreierlei: Die Verschränkung verschiedener Informationsquellen (Ton, Bild, Typografie, Infografik), die der Komplexität heutiger Themen Rechnung tragen können; einzelne Bilder werden durch das freundliche Diktat der Dramaturgie als ein in sich geschlossener Beitrag konsumierbar; Reichweite und Schnelligkeit der Verbreitung von Inhalten werden potenziert.

Auch wenn das Editing heute „Schnitt“ heißt und das Geschichtenerzählen „Storytelling“ das Prinzip bleibt das gleiche: mit Bildern werden Geschichten erzählt – allerdings unter Zuhilfenahme von Ton und auch bewegten Bildern. Sucht man das Pendant zur digitalen Multimedia-Präsentation im Analogen, so könnte dies ein gut komponiertes Fotobuch sein: es handelt sich um eine Serie, ein Text vertieft das Thema, es hat einen Anfang und ein Ende und das Blättern bestimmt den Rhythmus. Multi-Media bietet die Möglichkeit, diese Erzählform zu verstärken: durch Steuerung der Verweildauer der Motive (visuelle Dramaturgie), durch die zweite, akustische Ebene (Atmosphäre, akustische Dramaturgie, Information) und durch Grafik bzw. Text (Information). Da dies alles gleichzeitig geschieht, beschleunigt sich das Ganze, was dem Medium Web entgegenkommt und die Spielarten der Erzählweise um den Faktor Zeit erweitert. Ein wertvolles Gut im World-Wide-Web, denn das durchschnittliche Interesse eines Users bei einem Multi-Media Beitrag wärt durchschnittlich zwei bis vier Minuten. Die statistische optimale Länge für einen Werbeclip im Internet liegt bei zehn Sekunden.

Multimedia hat also das Rad des Bild-Journalismus nicht neu erfunden, aber ein weiteres Mal unter Beweis gestellt, dass eine der Künste der Fotografie auch darin besteht, sich selbst immer wieder neu zu erfinden.

Wie gesagt: Einer der interessantesten Berufe der Welt ist Bildjournalist.

(Vortrag an der FH Dortmund 2012)

TWITTER|FACEBOOK