Fotografien einer neuen Arbeiterklasse

Überlebensgroß schaut einen das Porträt eines Mannes von der Fassade des Hamburger Museums der Arbeit an. Sein Kopf ist in eine schwarze, gestrickte Motorradmaske gehüllt, nur Augen, Nase und Mund sind zu sehen. Sein Anorak ist orange wie die Rettungswesten im Flugzeug. Mit diesem Motiv eines Arbeiters auf einem Containerschiff wird die aktuelle Ausstellung „Wanderarbeiter – Fotografien einer neuen Arbeiterklasse“ angekündigt. Und während man Richtung Museumseingang strebt, lässt einen der Blick des Mannes nicht mehr los, bis man um eine Ecke biegt und etliche ähnlich gekleidete Arbeiter sieht, die gerade dabei sind, bei Eiseskälte den Hof des Museums zu pflastern, einen sehr großen Hof. Ein zufälliges, aber durchaus passendes Entree für diese Ausstellung, so dass man nicht umhinkommt, sich zu fragen: Wo kommen diese Menschen her, die hier bei winterlichen Temperaturen im Freien arbeiten?

In der Ausstellung selbst wird mit neun fotografischen Positionen die aktuelle Situation von Wanderarbeitern in China, Thailand und Europa beleuchtet. Drei Reportagen aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren widmen sich dabei auch der Geschichte hierzulande und der Tatsache, dass Deutschland schon lange ein begehrtes Ziel für Arbeiter – es handelt sich fast ausschließlich um Männer – aus fernen Ländern ist. Damals kamen die Menschen, beladen mit Sack und Pack, aus Istanbul und fuhren mit der Bahn nach München oder Dortmund. In Spitzenzeiten zählte man in Deutschland bis zu tausend Arbeitsimmigranten täglich. Der entscheidende Unterschied zu den Menschen heute, die mit dem Schiff aus Afrika über Lampedusa nach München, Berlin oder Hamburg kommen, ist, dass die Gastarbeiter damals gerufen worden sind und erwünscht waren. Doch die Motive für die langen „Wanderungen“ sind identisch: Es ging und es geht um bessere Verdienstmöglichkeiten und bessere Lebensumstände.

Es ist das Verdienst des Kurators Stefan Rahner, die neun eigenständigen Reportage- und Porträtserien, die teilweise als eigene Bücher oder zumindest in Zeitschriften schon publiziert wurden, zu bündeln und dadurch ein großes Thema unserer Zeit zu benennen und aktuell zu behandeln. Es ist ein Nebeneinander großer und großartiger Arbeiten über Matrosen auf Containerschiffen (Oliver Tjaden), die Reise türkischer Gastarbeiter (Hans Rudolf Uthoff), die Lebenssituation von Gastarbeitern in Deutschland (Henning Christoph und Brigitte Kraemer), die Wanderarbeiter in China (Wolfgang Müller), die bulgarischen Hilfsarbeiter und ihr Leben in Deutschland (Mauricio Bustamante), die Porträts von osteuropäischen Erntehelfern sowie Kindern, die fernab ihrer Familien im Ausland als Erntehelfer oder Krankenpflegerinnen arbeiten (Andrea Diefenbach), und Porträts der mit bunten Tüchern und Mützen verhüllten Wanderarbeiter in Thailand (Ralf Tooten). Die Ausstellung wirkt dabei wie ein Katalysator, der die einzelnen Aspekte bündelt und ihnen am Ende eine allgemeingültige Aussage verleiht. Zunächst aber gibt die Präsentation den Bildern viel Raum, jede Geschichte ist individuell gehängt und gerahmt – und den einzelnen Serien sind eigene Texte zugeordnet, wenngleich sie eine eher untergeordnete Rolle spielen. Nur Mauricio Bustamantes Bilder sind als Screening zu sehen: als eine Art Roadmovie, der die bulgarischen Hilfsarbeiter auf ihrem Treck nach Deutschland begleitet. Seine Schwarzweißaufnahmen von den Reisenden sind mit farbigen Videosequenzen der vorbeifliegenden Landschaft unterlegt. Am Ende der Reise sieht man die Arbeitsplätze, für die diese Menschen die Strapazen auf sich genommen haben: in der Fleischindustrie und auf dem Bau, und man sieht Bilder der teilweise menschenunwürdigen Behausungen in Deutschland.

So schreitet man die unterschiedlichen Kabinette ab, und wie ein Subtext fallen einem all die kleinen Themenschnipsel aus den Meldungen des Vermischten in der Tagespresse ein: die Arbeitsbedingungen bei Apple, das Schicksal der auf Lampedusa Gestrandeten, der Brand in einer Unterkunft von rumänischen Hilfsarbeitern in Papenburg mit zwei Toten, der Tarifkampf bei Amazon, der Kampf um Mindestlohn in der Fleischindustrie und natürlich die aktuelle Aufgeregtheit beim Thema (Zwangs-)Prostitution. Ausgerechnet dieser fast ausschließlich weibliche Aspekt des Themas Wanderarbeiter fehlt leider, ist doch der hohe Anteil ausländischer Frauen im Sexgewerbe ursächlich damit verbunden, dass in diesem Berufsfeld Migrantinnen überhaupt eine Chance haben, mehr als einen Hungerlohn zu verdienen. Beim Verlassen der Ausstellung kommt man an einer minimalistisch gestalteten Wand vorbei, die ein paar karge Fakten in kleiner Schrift auflistet. Zahlen wie: 2012 waren in Deutschland mehr als eine halbe Million Wanderarbeiterinnen registriert. Oder: Die Geldüberweisungen von Wanderarbeiterinnen in ihre Heimatländer betrugen 2011 in Tadschikistan fünfzig Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Nach dem Besuch dieser Ausstellung sind es mehr als bloß Zahlen.

Wanderarbeiter. Museum der Arbeit, Hamburg; bis zum 2. März 2014
Erschienen in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 06.12.2013
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