Schnipsel 08 | 2014

#KIEW #APOKALYPSE #LIVESTREAM #ONANIE
Ich bin nicht in Kiew – leider. Ich kenne Kiew gut aus der Zeit als ich dort auf Einladung des Goethe-Instituts ein Artist in Residenz Stipendium hatte. Schon als die Krise ausbrach, wäre ich gerne hingefahren, aber mein Alltag in Deutschland hat mir nicht frei gegeben. Vielleicht auch ganz gut so, zumal es an Bildern nicht mangelt. Gebannt sitzt man zu Hause am Rechner und klickt sich durch die Live-Streams (die übringens auch etwas von Überwachungsvideos haben) und fühlt sich schon fast wie vor Ort. Ein seltsames Gefühl. Schön auf den Punkt gebracht von dem Autor Frank Keil, der in seiner Twitter Timeline vermerkte:

Diese Art der Berichterstattung nennt sich Echtzeit-Journalismus. Es ist aber kein Journalismus (mehr), sondern nur eine dokumentarische Erlebniswelt, die den besonderen Prickel hat, eben echt zu sein und nicht Fiktion, Kino oder X-Box? Die Berichte sind in der Regel nur eine Bildbeschreibung dessen, was wir sehen. Keine Einordnung, kaum Hintergrund, kein historischer Kontext nirgends. Stattdessen Bilder, Bilder, Bilder. Und was für Bilder! Wir sehen die Apokalypse, das Ende der Welt, Bilder die sich an den Farben des Feuers weiden, die eine  Stimmung heraufbeschwören, als wäre der letzte Tag angebrochen. Die Feuerbrunst auf dem Maidan läßt uns an Apocalypse Now mit den Bilder des Regisseurs Francis Ford Coppola denken. Die Journalistin Sarah Kendzior schreibt angesichts dieser Bilder aus Kiew auf der Website von Politico Magazin: A new genre had been born: the apocalypsticle. Und sie fragt zu recht: Was erzählt die Abhängigkeit von Katastrophen-Pornografie über uns selbst? Der Bildschirm zu Hause wird zur Peepshow. Ein wenig verhält es sich wie bei den schlimmen Autounfällen, wenn alle ganz langsam an der Unfallstelle vorbeifahren und sagen, sie könnten das nicht mit ansehen, so schlimm sei das – um dann anschließend wieder fasziniert hinzusehen. Man ist dabei, aber nicht da. Man will auch garnicht da sein oder sich dieser wirklich schlimmen Realität aussetzen. Man schaut hin und gibt dann wieder Gas. Die Bilder vom Maidan Platz in Kiew klickt man einfach wieder weg. Man meint alles gesehen zu haben: die Proteste, die Toten, das Blut und man meint informiert zu sein. Aber es waren nur Bilder, eine losgelöste ästhetische Oberfläche, die nur einer visuellen Triebbefriedigung dienen: Onanie. Doch die Aufgabe von Journalismus ist zu informieren, einzuordenen, Prozesse nachvollziehbar zu machen und  das Sowohl-als-auch aufzuzeigen. Stattdessen gibt es 80er Jahre Journalimus und schwarzweiß Denken: Diktator gegen Oppostion. Nur wenige fragen: Wer ist diese Opposition in der Ukraine? Genauso, wie auch nur wenige gefragt haben: Wer sind eigentlich diese Rebellen in Syrien? Irgendwie sind in unserer westlichen medialen Aufbereitung die rebellierenden Figuren – solange diese nicht im eigenen Land rebellieren – immer die Guten. Das macht mich stutzig.

Journalismus soll uns Informationshungrige schlauer machen, um letztlich eine eigene Meinung (Wer sind die Guten und wer die Bösen?) herausbilden zu können. Die Fotografie oder auch das Video gibt dieser Information ein Bild, welche sich mit dieser Information verknüpft. Wenn wir nur noch das Bild haben, müssen wir auf den Kontext, die Erklärung verzichten. Wir bleiben dumm. Früher sagte man, dass die FotografInnen die Analphabeten seien. Nun machen uns die Bilder zu Analphabeten. Techologischer Fortschritt hat in der Fotografie schon immer zu einem Paradigmenwechsel geführt. Nach der Entwicklung der Kleinbildkamera und nach der Erfindung der Digitalfotografie stehen wir vermutlich vor einer neuen einschneidenden Veränderung: dem Livestream, der die heutigen Serienbelichtungen der AgenturfotografInnen zur Perfektion bringt. Denn bei fortgeschrittener Foto- und Übertragungstechnik wäre es durchaus denkbar, dass Agenturen oder Redaktionen nur noch Kameraleute zu den Geschehnissen schicken, die in einem Video-Livestream via Internet berichten und ein Bildredakteur in der Redaktion editiert aus den Filmen Standbilder, die noch zur analogen Verwertung wie Zeitschriften und Zeitungen genutzt werden können. So werden aus FotografInnen Kameramänner und Kamerafrauen. Und aus Fernsehanstalten werden Bildagenturen.

Die hier verwendeten Bilder sind Screenshots aus Nachrichtensendungen von: ARD, Euronews, Reuters
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