Schnipsel 01 | 2014

E I N  D I L E M M A – so könnte man es nennen: einerseits möchten Demonstrationen immer ein Maximum an Öffentlichkeit und gleichzeitig möchten aber diejenigen, die Demonstrieren nicht unbedingt immer erkannt werden oder gar durch irgendwelche Zufälle auf einer Titelseite irgendeiner Zeitung erkennbar abgedruckt werden. Besonders deutlich wird dieses Dilemma bei Demonstrationen mit hohem Militanzfaktor – wie zum Beispiel am 21.12.2013 in Hamburg. Wer vor Ort war, hatte den Eindruck, dass keiner von den Beteiligten ein Interesse an Fotografien des Geschehens hat. Beide Seiten – sowohl Polizei als auch Demonstrierende – sind nicht erpicht darauf, bei einer Straftat fotografiert zu werden. Der Vorteil liegt bei der Polizei, da deren Vermummung konsequenter und effektiver ist und als sogenannte Staatsgewalt uns Journalisten schon hin und wieder das Fürchten lehrt, bzw. uns auf die Kamera schlägt, uns am Durchkommen hindert oder gar behauptet: „Presseausweise sind heute nicht gültig“. Da die Vermummung von Aktivisten in der Regel mehr dem Coolnessfaktor Folge leistet, denn einer wirklich effektiven Vermummung, fordern diese wiederum, dass Fotografen selbstständig die Gesichter von Demonstranten auf ihren Bildern verpixeln. Irgend ein schlauer Kopf hat dafür inzwischen ein extra App auf den Markt gebracht. Bearbeitet man das Bild einer Demonstration mit solch einem App bleibt fast nur noch Pixelsalat.

Gleichzeitig ist es aber so, dass beide beteiligte Seiten die Fotografien der Pressefotografen brauchen: für die politische Arbeit. Die Polizei nutzt die ästhetischen Bilder, die jeden brennenden Müllkontainer zum Bürgerkriegsszenario stilisieren, um mehr Härte (Schießbefehl), mehr Ausrüstung (Elektroschocker) etc. zu fordern und die überwiegend männlichen Akteure der Demonstranten brauchen diese bürgerkriegsähnlichen Bilder, die vom Boulevard gerne gedruckt werden, um sich am darauffolgenden Morgen die Wunden zu lecken und sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Die heroischen und ästhetischen Fotografien von Strassenschlachten dienen hier dann zum Beleg für die Eskalation der Polizei.

Interessant finde ich in der Nachbetrachtung, dass ich bei über 500 verletzten Demonstranten und 120 verletzten Polizisten so gut wie keine Bilder von Verletzten oder von Übergriffen gesehen habe, oder finden konnte. Lediglich ein Bild eines verletzten Polizisten kursierte in den Medien. Das soll jetzt mit Nichten die Faktenlage anzweifeln, sondern eher darauf hinweisen, welches Material die Pressefotografen den Agenturen zur Verfügung stellten, bzw. auf was die Fotografen ihr Augenmerk gelegt haben: auf die Bilder, von denen man ausgehen konnte, dass diese gekauft und gedruckt werden. Also die Klassiker der Demo- und Randalefotografie: schwarz Vermummte (möglichst im Feuerschein), Wasserwerfereinsätze (möglichst mit einem einzelnen Heroen mit erhobenen Händen) und so weiter und so fort. Die Vermutung, dass es bei dieser Demonstration Ärger geben könnte, lag auf der Hand und von den Redaktionen wurden auch dementsprechende Bilder erwartet und eben auch geliefert.

Es wundert mich schon sehr, wie wenig die vielen anwesenden überwiegend männlichen Foto-, Fernseh- und Textjournalisten ihrer Dokumentaristenpflicht nachgekommen, sondern den schönen und durchaus ästhetischen Bildern dieser von der Polizei provozierten Eskalation erlegen sind. Es gab einzelne mutige und klug geschriebene Kommentare zu den Vorfällen, die das gesamte Geschehen sehr differenziert betrachten, aber Bilder, die z.b. die hohe Zahl an Übergriffen durch die Polizei dokumentieren, fehlen fast gänzlich. Doch diese Bilder gehören auch zum journalistischen Pflichtenheft. Dabei – und das muss hier auch gesagt werden – ist es oftmals sehr schwer Verletzte zu fotografieren, da wir Fotografen oft mit dem pauschalen Vorwurf, wir seien nur sensationsheischende Aasgeier, genau daran gehindert werden und dies nicht nur mit Worten.

Bilder sind schon immer und immer noch, die stärkste Waffe im Kampf um die Meinungs- und Deutungshoheit von Geschehnissen, dass sollten sich alle Akteure etwas bewußter machen und verantwortlicher damit umgehen – und da schließe ich uns Fotografen durchaus mit ein.

In der ZEIT habe ich dazu einen schön passenden Text gefunden, der der Frage nachgeht, ob unsere Sucht das Leben in Bildern festzuhalten auch unsere Erinnerung verändert und ob Fotografie auch die Zeitgeschichte verändert. Hier eine prägnante Passage daraus: „Pressebilder sind nicht wahr, sondern Waren!“, sagt der Historiker Gerhard Paul, der an der Universität Flensburg die Wirkung von Bildern erforscht. Bilder seien nicht dazu da, Geschichte zu dokumentieren, sondern verkauft zu werden – wie Musik oder Schokoriegel. Ein erfolgreiches Bild müsse der Pathosformel entsprechen, das heißt: Es zeigt existenzielle Gefühlszustände, Motive, die wir aus der Kunstgeschichte oder der christlichen Ikonografie kennen. „Das Bild muss eine klare Aussage haben, spannungsvoll komponiert und in den Medien oft wiederholt worden sein.“ Was nicht besonders emotional oder plakativ ist, wird gar nicht erst fotografiert, von Bildagenturen nicht gekauft und von uns nicht gesehen. Somit wird ein großer Teil der Geschichte ausgeblendet – und die Welt verdichtet sich auf ein Schema, das leicht abzuspeichern, aber auch ziemlich schlicht ist. M O L H E M  B A R A K A T – arbeitete als syrischer Fotograf in Allepo. Er fotografierte dort den Kriegsalltag und verkaufte seine Bilder an die Nachrichten Agentur Reuters. Er war gerade 18 Jahre alt geworden, als er kurz vor Weihnachten während eines Gefechts in Allepo zu Tode kam. Auch das ist in dieser Stadt, die mittlerweile alles an Grausamkeiten gesehen hat, schon fast Alltag. Mehr als 40 Journalisten starben inzwischen während des Bürgerkrieges in Syrien. Verstörend daran ist die Tatsache, dass Molhem Barakat ein Teenager war, der mit 17 Jahren als Fotograf im Krieg lebte und arbeitete und das für eine der weltweit größten Nachrichten Agentur. Noch verstörender ist die Antwort der Agentur Reuters auf die Frage, wie es denn sein kann, dass ein so junger Mensch, ohne professionelle Ausbildung, ohne Schutz und ohne Vertrag für die Agentur arbeite: „Wir sind zutiefst betroffen über den Tod Molhem Barakats, der Reuters auf freiberuflicher Basis Fotos verkaufte. Um die vielen derzeit in einem gefährlichen und unberechenbaren Kriegsgebiet befindlichen Journalisten am besten zu schützen, empfinden wir es als unangebracht zu diesem Zeitpunkt weiter zu kommentieren.“ Pressebilder sind eben nicht wahr, sondern Waren und damit ein großer Teil des millionenschweren Business mit Informationen.

In diesem Sinne für ein starkes, kritisches und selbstbewusstes 2014 !

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