Schnipsel 03 | 2014


THIS IS THE END – of publishing … Ein sehr schönes, kleines Beispiel dafür, dass nichts so klar oder einfach ist, wie wir es manchmal hoffen. Fast ist es schon Dialektik. Wer dieses Filmchen anklickt, sollte es unbedingt mit Ruhe bis zum Ende anschauen (mit Ton), sonst fehlt die Pointe.

WEGDRUCKEN ! – Als ich vor vielen Jahren eine Reportage fotografiert hatte, auf deren Veröffentlichung ich seit Wochen wartete, begegnete ich dem Art-Direktor auf dem Flur der Redaktion. Und um mich wohl zu beruhigen, sagte er sinngemäß: „Deine Geschichte müssen wir jetzt endlich mal wegdrucken!“. Es handelte sich um eine Reportage über das neu gebauten Hamburger Abschiebegefängnis Glasmoor, wo Menschen hinter Gittern darauf warteten, wieder in ihre Heimatländer abgeschoben zu werden.

Seit dieser Begegnung geht mir dieser Begriff „wegdrucken“ nicht mehr aus dem Sinn, zeigte er mir doch damals die Diskrepanz zwischen meinem Elan und meinem Herzblut, welches ich in diese Geschichte gesteckt hatte und der nüchternen Realität wie Magazine erstellt und publiziert werden. Ich hatte damals als erster in Deutschland – nachdem ich fast zwei Jahre auf eine Genehmigung gewartet hatte – eine Woche lang in solch einem „Abschiebeknast“ fotografieren können und dann wurde mir freudestrahlend mitgeteilt, man werde die Geschichte irgendwann wegdrucken. „Wegdrucken“ ist ein völlig negativ besetzter Ausdruck, schon fast wie „wegmachen“ und er machte mir deutlich wie nie zuvor, dass Journalismus bzw. Magazinmachen ein kaltes Geschäft ist. Heute mehr denn je.

Leider vergisst man das immer wieder und beginnt mit neuem Elan und neuem Herzblut neue Themen fotografisch zu bearbeiten, um diese dann Redaktionen anzubieten. Hin und wieder schafft man es auch mit sehr viel Geduld und Spucke eine Redaktion von einem Thema zu überzeugen, fotografiert es und dann: warten, warten, warten. Auf’s Weggedruckt werden. Manchmal wartet man Monate oder gar ein Jahr bis eine Geschichte gedruckt wird oder – was durchaus auch passiert – nie gedruckt wird. Je länger eine Geschichte rumliegt, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass diese überhaupt noch publiziert wird., man spricht davon, dass eine Geschichte schlecht wird – wie ein Apfel. Man nennt diese fertigen und herumliegenden Geschichten im Redaktionssprech „Stehsatz“. Ein Begriff der noch aus der Zeit des Bleisatzes stammt, als fertig gesetzte Artikel oder ganze Seiten in Blei gegossen physisch herum standen.

Im Moment steht mal wieder eine solche Geschichte von einer Autorin und mir in einer Redaktion herum, die sich mit dem Thema strukturelle Armut in Deutschland beschäftigt. Lange geplant, lange recherchiert, sehr schön layoutet und mehrere Doppelseiten lang. Aber sie ist eben Stehsatz, der von Tag zu Tag droht, schlecht zu werden.

Das Elend für uns FotojournalistInnen ist bei all dem zweierlei, wenn eine fertig recherchierte, geschriebene und fotografierte Geschichte irgendwo herumsteht: Schließlich wollte man ja mit der Thematisierung irgendeines Sachverhaltes, Vorganges oder Prozesses etwas erreichen. So etwas wie Bewusstsein, Aufklärung oder Sensibilisierung. UND: das soll nicht verschwiegen werden, will man ja zeigen, was man entdeckt und in gute Bilder übersetzt hat. Auch braucht man als Fotojournalist diese Bestätigung der eigenen Arbeit durch die Publikation an sich, denn Geld an sich reicht nicht, zumal es oft recht wenig ist. Vielleicht sollte man mal überlegen, ob Magazine, die eine gute und in der Redaktion grundsätzlich akzeptierte Geschichte herumstehen lassen, nach sechs Monaten ein Schmerzensgeld ausbezahlen müssen – in der Höhe eines doppelten Honorars.

Das ist aber nur die eine Seite. Fast wichtiger ist der Umstand, dass wir FotojournalistInnen fast immer mit Menschen zu tun haben, die sich Zeit für uns nehmen, die sich fotografieren lassen, die ihr Inneres nach außen kehren, die ihr ganz privates Schicksal für uns öffentlich machen, weil auch sie von unserem Anliegen überzeugt sind (oder sich haben überzeugen lassen) und weil sie uns vertrauen. Manches Mal machen wir auch diesen Menschen durch unser Agieren Hoffnung auf Veränderung ihrer Lebensumstände. Wir AutorInnen nehmen während unserer Arbeit Anteil an dem Schicksal unserer Protagonisten und teilen eine Zeitlang das gute oder schlechte Leben, welches diese führen. Wir nehmen sie ernst, das spüren sie und deshalb öffnen sie sich uns gegenüber auch. Wenn sie dann aber am Ende stehen gelassen werden, nimmt man diese Menschen nicht wirklich ernst, dann benutzt man diese nur für eine Geschichte, die vielleicht gut ist, aber nie veröffentlicht wird, warum auch immer.

Ps: mir sind die teilweise schwierigen Umstände unter denen ein Magazin produziert wird sehr bewusst, aber jenseits der Zutaten wie Themenmischungen, Aktualitäten, Anzeigenkunden etc, die ein gutes Magazin ausmachen, braucht es auch Glaubwürdigkeit und Haltung. Letzteres wird zwar immer laut postuliert, aber eigentlich nur, weil das im Zusammenhang mit Journalismus so gut klingt. In Wirklichkeit ist den Chefredakteuren aber der Leser und die Leserin wichtiger, als die Menschen über die sie schreiben (lassen). Zeitschriftenverlage sind im Regelfall nicht a u c h ein Geschäft, sondern e i n Geschäft, welches mit Journalismus sein Geld verdienen will. Nicht mehr und nicht weniger. Begriffe wie Haltung, Aufklärung, Moral und Investigation sind verkaufsfördernde Claims bei diesem Geschäft und nicht ein Arbeitsethos. Das muss man sich immer mal wieder klar machen, denn sonst ist die Enttäuschung immer wieder groß.

TWITTER|FACEBOOK