Schnipsel 04 | 2014

F O T O G R A F E N  M A C H E N  B I L D E R – manchmal aber anders als man denkt. Ruben Salvatori, ein italienischer Fotograf und Soziologe, hat mit einer bemerkenswerten Arbeit die Wechselwirkung von Fotografen (auch in diesem Fall sind es fast nur Männer) und den fotografierten Situationen untersucht. Am Beispiel der ritualisierten Riots in Ost-Jerusalem zwischen palästinensischen Jugendlichen und dem israelischen Militär zeigt er auf, wie durch die Anwesenheit von Fotografen das Geschehen, welches ja „objektiv“ dokumentiert werden soll, beeinflusst wird, wenn nicht sogar den Anlass für das Geschehen bietet. Das Bild oben links ist das, was wir als LeserInnen einer Zeitung oder Zeitschrift dargeboten bekommen. Es zeigt das, was wir erwarten und die Jugendlichen wissen inzwischen, was sich die Medien und Bildagenturen wünschen und bieten ein Schauspiel, welches uns dann von den Fotografen als Realität verkauft wird. Es ist eine Forführung von Scripted Reality mit anderen Mitteln und folgt einer Logik, die inzwischen von vielen Redaktionen forciert wird, weil aus Kostendruck und dem Fixemacheschnelljournalismus nur noch selten Geschichten entdeckt werden können, die dann mit journalistischen Mitteln erzählt werden, sondern, weil es mehr und mehr darum geht, vorher geplante Ideen in eine irgendwie geartete Form von Journalismus zu gießen – es müssen nur noch Protagonisten und passende Bilder gefunden werden. Jeder, der schon einmal in dieser Region Jerusalem/Gaza gearbeitet hat, weiß, dass nach dem Freitagsgebet Randale abgehen wird. Inzwischen muss man sich fragen, ob dies auch geschehen würde, wenn die Fotografen mal für eine zeitlang weg bleiben würden.

Grundsätzlich könnte man bei genauer Betrachtung des Bildes links auch von selbst darauf kommen, dass die Szene nicht so dramatisch ist, wie durch das Bild suggeriert wird, schließlich laufen im Hintergrund Menschen, die durchaus gelassen die Strasse hinunter schreiten. Bei dem Bild rechts, welches das ganze Szenario zeigt, sieht man auch die Irritation des einen Fotografen und die des vermummten Protagonisten darüber, dass da wohl einer die Szene nicht aus dem „gewünschten“ Blickwinkel dokumentiert.

In dem folgenden Film erklärt Ruben Salvadori sehr schön sein Anliegen und die Beispielbilder sprechen Bände.

N A R C I S O  C O N T R E R A S – ist ein mexikanischer Fotograf, der für die Nachrichtenagentur „The Associated Press“ arbeitete unter anderem in Syrien. Er wurde nun diese Woche gekündigt, da er auf andere Art und Weise ein Bild inszenierte: er retuschierte es und dies verstößt gegen die ethischen Grundsätze der amerikanischen Nachrichtenagentur. Dabei hatte er selbst seinem Bildredakteur die Manipulation erzählt und darum gebeten das Bild aus der Datenbank zu entfernen: er hatte eine am linken unteren Bildrand sichtbare Videokamera eines anderen Kollegen mit aufgenommen und nachträglich aus dem Bild entfernt, da ihn diese störte.  Allein die Tatsache, dass auf diesem Bild eine Videokamera eines anderen Fotografen in Syrien herum liegt, lässt sofort an die Szenen denken, die Ruben Salvadori so exemplarisch im Gazastreifen aufgenommen und analysiert hat.

Für all diejenigen, die es interessiert, stehen am Ende dieses Posts die grundsätzlichen Regeln von Associated Press für ihre FotografInnen. Regeln, die vermutlich jede/r unterschreiben würden, aber man muss sich schon fragen, wo im Einzelfall die Grenze ist und wann ist eine Veränderung eine Manipulation und wann ist es lediglich eine Interpretation. Wenn ich mir überlege, wie oft und wie intensiv ich in der analogen Dunkelkammer habe Dinge verschwinden lassen, indem ich diese nachbelichtet habe oder wie oft ich einen grauen Himmel mit etwas mehr Dramatik versehen habe, wird es um diese Regeln noch viele Diskussionen geben werden. Spätestens, wenn bei World Press mal wieder sehr schöne und digital geputzte Bilder Preise gewinnen werden.

„The content of a photograph must not be altered in PhotoShop or by any other means. No element should be digitally added to or subtracted from any photograph. The faces or identities of individuals must not be obscured by PhotoShop or any other editing tool. Only retouching or the use of the cloning tool to eliminate dust and scratches are acceptable.

Minor adjustments in PhotoShop are acceptable. These include cropping, dodging and burning, conversion into grayscale, and normal toning and color adjustments that should be limited to those minimally necessary for clear and accurate reproduction (analogous to the burning and dodging often used in darkroom processing of images) and that restore the authentic nature of the photograph. Changes in density, contrast, color and saturation levels that substantially alter the original scene are not acceptable. Backgrounds should not be digitally blurred or eliminated by burning down or by aggressive toning.“

Im Jahre 2006 wurde schon einmal wegen Manipulation ein Fotograf entlassen, damals von der Nachrichten Agentur Reuters. Adnan Hajj hatte den Rauch, der  nach einem israelischen Luftangriff über der Stadt Beirut aufstieg, stark nachbelichtet. Hier ein damals unter der Rubrik „Technik“ veröffentlichter Artikel in der New York Times.

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