Schnipsel 51 | 2013


L I S T E N
– sind ja en vogue gegen Jahresende und jedes Jahr werden es mehr. Prominentenlisten, Googletrefferlisten etc. und natürlich die guten Fotobuchlisten und wie es die Ironie des Zufalls will: während ich diese Kolumne schreibe, rutsch der Newsletter von Lensculture mit der Liste der besten Fotobücher 2013 in mein E-Mailpostfach. Zitat: „Die Auswahl ist schrullig, subjektiv, unkonventionell und wahrscheinlich nicht wie viele andere Listen der beliebtesten Fotobücher.“ Der Herausgeber hat dafür mehr als zweihundert Bücher gewälzt und beurteilt. Schön. Aber was hilft mir das? Ich gestehe, bislang habe ich auch immer auf all diese Listen geschaut, habe aber noch nie eine echte Entdeckung machen können, entweder ich kannte die Bücher schon oder sie trafen nicht meinen Geschmack und/oder mein Interesse – weshalb ich diese Bücher  wohl auch nicht kannte. Logisch. In der Regel wird bei diesen Listen das Cover abgebildet, vielleicht zwei, drei Doppelseiten gepaart mit einem launischen Satz des „Kurators“ warum dieses oder jenes Exemplar so „outstanding“ sei. Meine Vermutung geht dahin, dass die Verfasser dieser Listen sich selbst adeln wollen und eine geschickte Form von Eigen-PR betreiben. Denn wer solche Listen erstellt, muß ja in den Augen der LeserInnn ein Fachmann sein.  Ja, ein Fachmann, denn diese Listen sind überwiegend männlichen Ursprungs. Und nach dem Motto: Wer hat den Längsten? werden diese Listen auch immer länger.

Einen echten Vorteil von Listen mit Best-offs haben die FotografInnen und die Verlage, denn  das ist gute Werbung. Manche haben erkannt, dass sich mit dem Hype um die besten, tollsten, ungewöhnlichsten Fotobücher Geld verdienen läßt. Das ganze nennt sich dann „Competition“ und kostet z.b. bei der amerikanischen Zeitschrift PDN 35 US-Dollar Gebühr – pro Buch. Mal schlicht gesprochen: jede Menge kostenlose Bücher für PDN und als Schmankerl noch drei Scheine oben drauf. Clever. Steht man als Autor oder Autorin am Ende nicht auf der Liste, war dabeisein alles, steht man drauf, war es günstig. Sinn hat es aber wahrscheinlich in beiden Fällen nicht gemacht.

Und für alle diejenigen, die doch mal schauen wollen: hier geht es zur Fotobuchliste aller Fotobuchlisten

Ps: Mein damaliger Verleger Günter Braus hatte mein Buch „New York“ auch bei PDN eingereicht, es stand am Ende auf der Liste der Fotobücher des Jahres und wurde für gut befunden. Meiner Eitelkeit hat das geholfen, aber das war’s vermutlich auch.


S I N N K R I S E N
– kennen die meisten, die sich freiberuflich mit Fotografie beschäftigen und oftmals werden daraus schnell Existenzkrisen, die wiederum die Sinnkrise verstärken – oder auch anders herum. Auf der Webseite von Little Brown Mushroom, einem kleinen Verlag in Minnesota, der unter anderem von dem Fotografen Alec Soth betrieben wird, fand ich einen Blogeintrag, der mit folgender Fragestellung anmoderiert wurde: „Warum haben zwei legendäre Fotografen des 20ten Jahrhunderts die Fotografie aufgegeben?“ Gemeint sind Henri Catier-Bresson und Sergio Larrain von dem das obige Bild stammt. Anhand von Briefen u.a. der beiden, die in einem jetzt bei Aperture erschienen Buch über Larrain abgedruckt wurden, kann man lesen, dass auch schon vor 50 oder 30 Jahren die Fotografen vom Zweifel getrieben wurden und dass man vom Fotografiemarkt, den Aufträgen für Magazine etc. aufgerieben wurde.  In einem Brief aus dem Jahre 1987 von Sergio Larrain an Agnès Sire, ehemalige Art-Direktorin bei Magnum, kann man lesen:

In Magnum we [saw that] with Bruce [Davidson] for example. When he just came, it was pure poetry his NY gang and what he did at that time. He got, from there, a contract with Vogue NY, as I remember, to do 4 stories a year, he got money, and the miracle has gone forever…sometimes it came back, but never [like] in the beginning…then how do you keep the light alive? The art is to live in happiness, with love, with truth, with purity, not swallowed by mechanization…“

Diese Zeilen zu lesen ist in zweierlei Hinsicht schön: einer seits beruhigt es, dass man mit solcherlei Sorgen nicht alleine ist und dass damals über solche Themen überhaupt gesprochen wurde. Eine Tatsache, die ich in der heutigen Diskussion um die immer wiederkehrende Fragen: „Warum fotografieren wir? Wie fotografieren wir? Wie will man davon leben?“ sehr vermisse. Die Abwesenheit von ehrlicher und konstruktiver Auseinandersetzung zwischen FotografInnen war für mich auch eine Motivation, dieses Blog zu beginnen, denn es kann nicht sein, das wir mehr über den Markt sprechen, denn über Fotografie.

Hier noch eine Kostprobe aus dem gleichen Brief von Larrain an Sire:

In the eternal moment which is reality Agnès, you have to give time to rest, to renew, as with the land, if you exhaust it, by permanently asking fruits, you disorganise the rhythm…the breathing…Silence, peace and loneliness are necessary to receive inspiration, [to] be empty for the new…

Hier geht es zum Blogpost von Alec Soth und hier zum Buch über Sergio Larrain.

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