Henrik Spohler: The Third Day

Das Fotobuch von Henrik Spohler ist die von mir lang ersehnte fotografische Antwort auf die verklärenden Bilder beliebt gewordener Kraft-durch-Freude Magazine, wie Landlust und Konsorten. Neben Strickpullies und der richtigen Kettensäge für den Vorgarten geht es in diesen Zeitschriften viel um Selbstversorgung, also Gemüsebeete, Einmachen etc. Der Nerv, der hier bei einer saturierten Mittelschicht getroffen wird, ist auch die Sorge um unsere Ernährung, die weltweit gesehen ein zunehmendes Problem darstellt. Doch auch hier kann leider festgestellt werden, es gibt kein richtiges Essen im Falschen.

Mit nahezu menschenleeren Bildern zeigt uns Henrik Spohler, wie durch Menschenhand die industrielle Pflanzenproduktion für eine stetig wachsende Erdbevölkerung organisiert wird. Die Bilder sind dabei keine Anklageschrift, ganz im Gegenteil, sie dokumentieren mit großer Präzision und mit einer starken ästhetischen Verführungskraft, was ist und wie es aussieht. Wir blicken in Laboratorien und erblicken Landschaften in Europa und den USA, die zu Laboratorien geworden sind. Modern Times.

Es ist das erste Buchprojekt, bei dem die kühle, ästhetische  Bildsprache von Henrik Spohler auf Natur im weitesten Sinne trifft und durch diesen Gegensatz vielleicht auch seine eigentliche Kraft entwickelt. Die Abstraktheit vieler Motive und die damit einhergehende Ästhetik verhindert jegliche Romantik und lässt uns doch – oder gerade deshalb – aufhorchen und fragen: Wie ist das mit den Pestiziden, wo kommt das viele Wasser her und wer beackert diese Flächen, die sich über Quadratkilometer in einer Landschaft erstrecken, die an sich sehr unfruchtbar aussieht. Das ist zeitgemäße und kritische Dokumentarfotografie, die nicht mit dem emotionsgeladenen Zeigefinger den moralischen Oberlehrer spielt, sondern meine Sinne fordert, meine Intelligenz befeuert, mich nachdenklich werden lässt.

Auch wenn der Titel THE THIRD DAY es vermuten lässt, es geht nicht um die Schöpfungsgeschichte, sondern um die Schöpfung durch den Mensch. Ein Bild bringt dies schön – und ich meine schön – auf den Punkt: Man steht im Borrego Valley, USA, und schaut in die braun-gelbe Landschaft, am Horizont die zerklüfteten Berge mit einem diesigen und milchigblauen Himmel. Es scheint heiß, sehr heiß und staubtrocken zu sein. In das fast monochrome Bild schiebt sich von links, wie eine riesige lange grüne Raupe, die scharfe Kontur einer gigantischen und offensichtlich sehr fruchtbaren Grapefruitplantage. Sichtbarer kann man künstliche Befruchtung kaum machen. Die absurde Diskrepanz zwischen der ockerfarbenen trockenen Landschaft und der grünen Raupe lässt nach dem Ah und Oh ob der Schönheit ein Unwohlsein aufkommen.

Video: Henrik Spohler spricht über sein Fotoprojekt

Wenn man diese Arbeit mit denen anderer vergleicht, die sich auch der großen Umwelt-Themen unserer Zeit annehmen, wie z.B. die neueste Arbeit von Edward Burtynsky „Water“ (Steidl), dann fällt auf, dass bei Spohler die Kritik durch die ästhetische Konstruktion jedes einzelnen Bildes Ausdruck findet und nicht nur durch die alleinige Tatsache das Thema ausführlich behandelt zu haben. Spohler verliert sich nicht in einem ästhetischen Bilderrausch, der die Konsumkritik gleichermaßen Salon fähig macht. Das ist stark, weil unabhängig und ohne Buhlerei ums Publikum erarbeitet.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass das Buch eine exzellente Druckqualität vorweist, die den genauen und hochauflösenden Bildern gerecht wird. So stehen die einzelnen Bildtafeln auf dem leicht Querformat licht und durchgezeichnet bis ins letzte Detail und der Drucklack auf den Motiven lässt uns auch beim Blättern die Bilder haptisch wahrnehmen. Sehr angenehm ist auch, dass jedem Motiv eine kurze Bildunterschrift zugeordnet ist, die der teilweisen abstrakten Schönheit mancher Motive, die nötige Ernsthaftigkeit verleiht.

Auf jeden Fall das Buch, oder auch ein Print, sei all den LandhausbewohnerInnen samt ihrer Landlust ans Herz gelegt, damit diese bei der Pflanzenaufzucht nicht den Bezug zur Wirklichkeit verlieren.

Zuerst veröffentlicht in Photonews 12/2013
Henrik Spohler, The Third Day, Hatje Cantz Verlag, 2013, Deutsch/Englisch, 96 Seiten, 55 Abb., 30,90 x 26,50 cm
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