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Während des G20 Gipfels in Hamburg fotografierte ich die Proteste im Auftrag für das Magazin STERN. Das Magazoin PHOTONEWS (09/2017) bat mich um einen Text über die Umstände, die Bedeutung und die Nutzung von Fotografie in diesem Kontext.

Es war eine schöne kleine Situation während des G 20 Gipfels im Juli 2017 im Stadtteil St.Pauli in Hamburg. Ein gelber Sack mit Recyclingmüll brennt mitten auf der Fahrbahn einer Seitenstraße. Dahinter kniet ein Fotograf und versucht aus der Perspektive des Asphalts dieses armselige Häufchen brennenden Mülls ins rechte Licht zu rücken: als d i e Eruption von Gewalt und Randale, denn soeben hatte der Hamburger Einsatzleiter eine Demonstration am Hamburger Fischmarkt mit 20.000 Menschen auf Grund von Differenzen zum Verschleierungsverbot gewaltsam aufgelöst.

Der Fotograf tat, was man von ihm scheinbar erwartete. Die polizeilichen Verlautbarungen und die Äußerungen der Veranstalter der Proteste samt der medialen Aufbereitung hatten im Vorfeld des G 20 Gipfels auf allen Seiten eine klare Erwartungshaltung produziert: es wird krachen, es muss krachen…

Der Fotograf konnte ja nicht wissen, dass dieses Bild schon 24 Stunden später Makulatur sein würde, wenn das eigentliche, fotogene Schauspiel im Hamburger Stadtteil Schanzenviertel stattgefunden hatte: lodernde Barrikaden zur blauen Stunde, vermummte Gestalten mit nackten muskulösen Oberkörpern, johlendes Partyvolk, Plünderungen, Wasserwerfer-Einsätze, GSG 9 – Straßenschlachten. Das volle Programm – medial und vor allem fotografisch ein Traum. Die light Version von Gaza-Streifen und Venezuela direkt vor der Haustür, nur einen Steinwurf entfernt von den Redaktionen in Hamburg.

Damit die Erwartungen aller nicht enttäuscht wurden, gaben die vielen Beteiligten des G 20 Gipfels ihr bestes: PolitikerInnen, polizeiliche Einsatzleiter, PolizistInnen aller Einheiten, DemonstrantInnen allen Coleurs, ZuschauerInnen, JournalistInnen und natürlich Fotografen und Fotografinnen. Den letzteren fiel eine besondere Rolle zu: sie machten das Ganze zeitweise live miterlebbar und nacherlebbar – zumindest visuell – und somit haben diese Akteure wesentlich die Bedeutung und die Interpretation der gewaltsamen Proteste gegen den G 20 Gipfel mitbestimmt. FotografInnen und Kameraleute haben mit ihren Bildern mehr oder weniger die Deutungshoheit solcher Ereignisse übernommen, da es in den schnellen Zeiten nicht mehr so sehr um Inhalte, Einordnungen und Zusammenhänge geht, sondern um das schnelle Vergnügen der Bilder, dem Gefühl dabei gewesen zu sein, obwohl man zu Hause vor dem Fernseher gesessen hat. Als Zuschauer erliegt man der Suggestion Zeuge zu sein und Bescheid zu wissen, obwohl man ahnungslos ist. Augenfutter statt Hirnschmalz.

Die Inszenierung der G 20 Spiele in Hamburg begann aber lange bevor die Staatsmänner und Staatsfrauen in Hamburg landeten. Die Polizei in Hamburg war schon im Vorfeld sehr darauf bedacht ihrerseits die Deutungshoheit der Bilder zu behalten. So wurden die JournalistInnen immer wieder zu Terminen eingeladen wie zum Beispiel der „Vorstellung der Gefangenensammelstelle Neuland“, die im Süden von Hamburg extra für den G 20 Gipfel gebaut wurde und bis zu 450 Plätze für Gefangene bietet.

In kleinen Gruppen wurde man etwa 45 Minuten lang durch die nahezu Menschen leere ehemalige Großmarkthalle geführt, die nun die künftige Heimstatt für verhaftete Demonstranten werden sollte. Wie bei einer Ausstellung, wenn der Kurator die Exponate zeigt und erläutert, wurden den Fotografen und Fotografinnen alle Stationen, die ein Gefangener zu durchschreiten hat, stolz vorgeführt: Erfassung, Erkennungsdienstliche Behandlung, Zellentrackt, Befragungsräume etcetc… Fotografisch gesehen, gab es nix zu sehen, außer leeren Containern, Hallen und provisorischen Büros. Dazwischen waren immer mal wieder einzelne Polizisten und Polizistinnen drapiert, die klarmachten, dass man hier nicht in einem geplanten Logistikcenter ist, sondern in einem provisorischen Knast.

Interessant dabei war die Tatsache, dass die polizeilichen Statisten noch wenige Tage zuvor bei einem anderen polizeilich angebotenen Fototermin als Informationsbeamte fungierten, die die Bevölkerung über den bevorstehenden G 20 Gipfel informierten. Nun mit neuer Funktion wurden Sie dann auch von den Fotografen gebeten, doch bitte mal eine (leere) Zelle abzuschließen, wahlweise sich hinzusetzen, streng zu gucken oder mal hier und dort längs zu laufen. Public Relation vom feinsten. Am darauf folgenden Tag waren diese polizeilich arrangierten Bilder Aufmacher der lokalen Medien mit dem Tenor: „Hier will die Polizei G20-Randalierer unterbringen“ (Mopo). Zu diesem Zeitpunkt fragte niemand mehr danach, ob denn ein solcher Sonderknast nötig sei. Die Frage, die die Medien sich nun stellten, war: reichen die Plätze aus, um all die bösen Demonstranten unterzubringen.

Solcherlei Bilder, samt der immer wieder gestreuten polizeilichen und geheimdienstlichen Informationen und Schätzungen wie viele Demonstranten (mit und ohne Gewalt im Gepäck) man in Hamburg erwarten würde, ließen nur noch einen Schluss zu: es muss krachen, es wird krachen…

Ebenso wie die Staatsmacht hatten aber auch die Gegner des G 20 Gipfels ihren Grundkurs in Public Relation absolviert. Sie luden zu dem einen oder anderen Happening ein, welches lediglich für die Medien und im speziellen für FotografInnen stattfand, da man begriffen hatte, dass in diesem ganzen G-20-Gipfel-Hype im Vorfeld von den Redaktionen Bilder gebraucht werden. Es gab z.B. im Zuge des ganzen behördlichen Hickhacks um die Camps der Demonstranten eine für die Presse inszenierte Aktion, bei der symbolhaft in der Nähe des Veranstaltungsortes des Gipfels in Hamburg kleinere Zelte mit Anti G 20 Parolen bemalt aufgestellt wurden. Ab diesem Zeitpunkt gab es endlich die nötige Bebilderung zu den Texten, die den Zank um die Camps im Stadtgebiet thematisierten. Als dann die Drohung im Raum stand, man würde zur Not im gesamten Stadtgebiet kleinere Zeltlager errichten, wenn die Stadt die eigentlichen Camps nicht genehmigt, konnte man sich bildhaft vorstellen, wie das aussehen würde. Im Vergleich zur Mobilisierungskampagne der militanten GegnerInnen des Gipfels fast schon rührend. Diese hatten auch mit Bildern im Internet für den Protest gegen das Treffen in Hamburg geworben: mit martialischen, feurigen und gewaltverherrlichenden Videos, die eine übertriebene Vorwegnahme der späteren Krawalle in Hamburg waren. Auch hier wurde einem nur der eine Schluss nahegelegt: es wird krachen, es muss krachen.

Als es dann krachte, kam die eigentliche Stunde der Bilder. Zur besten Sunset Zeit (flaches Abendlicht, blauer Himmel, hi und da ein paar Wölkchen) wurden die ersten größeren brennenden Barrikaden errichtet, das kleine Schwarze wurde aus dem Rucksack geholt und die Heerscharen von Fotografierenden hatten Mühe nicht ständig andere Kollegen mit im Bild zu haben, während der eine oder andere Strahl der Wasserwerfer im abendlichen Gegenlicht glitzerte. Keine Seite der Beteiligten hatte zu viel versprochen und das fast unwirkliche Schauspiel nahm seinen Lauf, während angestachelt durch diese simple Ästhetik des Widerstands Zuschauer (meist erlebnisorientierte Jugendliche aus den bürgerlichen Vororten Hamburgs) vor brennenden Barrikaden und herannahenden Polizeieinheiten posierten um smartphoneflinke Bilder und Filmchen in die sozialen Netzwerke zu pumpen. Eines dieser Bilder – aufgenommen von einem Dach – zeigt in einer Aufsicht den Hauptort der Krawalle und scheinbar brennt der gesamte Straßenzug, darüber steht der gerade aufgegangene Mond mit leichtem Hof. Fast schon romantisch, aber eben nur so romantisch wie Apokalypsen manchmal aussehen. Als Bildunterschrift steht der Hilferuf: „Bitte hört endlich auf ! Hilfe, wo ist die Polizei? Der schwarze Block nimmt gerade den ganzen Schulterblatt auseinander #nichtmeinhamburg #NOFILTER!!!“.

Ein anderer Bewohner des Viertels korrigierte diesen Eindruck dann wenige Stunden später: „Das Bild zeigt nicht die wahre Lage. Es gab drei Feuer auf den strassen, beim vierten bin ich nicht sicher. Diese Feuer loderten nur auf der Strasse und bestanden aus Holz und Schrott, eher Barrikaden, mit Reifen und Plastik, um maximalen Rauch zu erzeugen.
Grösse etwa von Osterfeuern, ich konnte auf 1-2 m herangehen. Es brannte kein Haus. Soweit ich weiss auch in dieser Strasse kein Auto. Ich will diese Leute nicht verteidigen, aber ich kann nur davor warnen, solche Bilder ernst zu nehmen.“ (Diesen Eindruck kann der Autor bestätigen.)

Es ist dieser Klassiker, der immer wieder zu dieser Art inszenierter und verfälschender Bildern führt: je dramatischer das Bild, desto heroischer der Urheber der Bilder, auch wenn es manchmal eben nur ein einsamer brennender gelber Sack auf der Straße ist.

Soviel zur ästhetischen Gewalt der Bilder, die so manchen Zuschauer und Zuschauerin mitunter angezogen haben wird, sich an dem Spektakel zu beteiligen. Eine andere Form der Gewalt, nämlich die der Staatsgewalt, werden sich manche jetzt im Nachhinein stellen müssen, denn die Polizei hat mit ihrem Fahndungsaufruf nach Bildern und Videos aus der Krawallnacht schon mehr als 1000 Einsendungen erhalten. Die wahren Krawalleros sind sich dieser Gefahr bewusst und als in dieser Nacht dann auch noch der REWE geplündert wurde, erklärte einer der Autonomen den Gaffern und Fotografen auf recht höfliche Weise, dass nun hier und gerade jetzt Fotos nicht gerne gesehen werden. Wer allerdings diese Freundlichkeit nicht zu schätzen wusste, wurde vor die Wahl gestellt: entweder Chip oder gleich die ganze Kamera.

So sind solche Ereignisse auch zunehmend ein Kampf um die Bilder, die im heutigen Mediengeschehen entscheidend für die Deutungshoheit sind. Darüber müssen sich alle Beteiligten bewusst sein, ins besondere die Urheber, die Fotografen und Fotografinnen.